[moskito] & Pankow-Hilft!

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Die Fach- und Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus, für Demokratie und Vielfalt [moskito] zieht sich ab 2019 aus der Begleitung des Unterstützungsnetzwerks Pankow-Hilft! zurück. Warum das so ist, ist Thema des nachfolgenden Schreibens.

Liebe Menschen aus dem Unterstützungsnetzwerk Pankow-Hilft!

Zur Vorgeschichte:

Ende August 2013: Ein Anruf aus der Anwohnerschaft der Mühlenstraße: Ob wir schon gehört hätten, es würde doch eine neue Unterkunft für Geflüchtete in Pankow gebaut werden. Könnte man da nicht was machen; die Ereignisse in Hellersdorf seien doch schockierend; wir müssten hier doch was auf die Beine stellen. „Ja“, sagte ich am anderen Ende des Hörers im [moskito]-Büro. „Ja, wir haben es gehört, ja, es gäbe ein Treffen des Bezirksamts, aber es sei nur für Mitarbeiter*innen des Bezirksamts, der Wohnungsbaugesellschaften und des anliegenden Stadtteilzentrums.“ Wir verabredeten uns mit dem alarmierten Anwohner für die kommende Woche und luden gemeinsam weitere Mitarbeiter*innen und Jugendliche des Jugendzentrums M 24 und ein einige Menschen aus der Nachbarschaft ein. Der Vorläufer von Pankow-Hilft! – der Unterstützungskreis Mühlenstraße – war damit ins Leben gerufen.

Und dann ging alles ganz schnell. Der Aufbau eines ersten Unterstützungskreises in der Mühlenstraße – die Unterkunft wurde erst Monate später eröffnet – war eine Art Selbstläufer. Immer mehr Menschen kamen, diskutierten über Zielsetzungen, Vernetzungen und Begrüßungsfeierlichkeiten für die Geflüchteten und darüber, Strategien Neonazis zurück zu drängen.

Plötzlich stand –angelehnt an die Unterstützer*innen der Geflüchteten in Hellersdorf – der Name „Pankow-Hilft!“ im Raum. Mailinglisten für die Kommunikation untereinander wurden angelegt. Ab 2014 eröffneten weitere Unterkünfte in Pankow. Immer wieder wurde versucht, den Neonazis zuvor zu kommen und die Gründung eines Unterstützungskreises oder anderer Strukturen in Verbindung mit dem Netzwerk Pankow-Hilft! Öffentlich bekannt zu machen.

Die Rolle der Fach- und Netzwerkstelle [moskito] war weniger offiziell formuliert, aber aus unseren Augen formte sie sich in der Praxis heraus: Es fehlten Kapazitäten für die Vernetzungen der Menschen, die in Unterstützungskreisen an den unterschiedlichen Orten zusammen kamen. Viele stimmten der Idee zu, schnell ein Label, einen Slogan zu setzen, wie Pankow-Hilft! und damit offensiv in der Öffentlichkeit aufzutreten, um deutlich zu sagen „Ja, wir unterstützen und begrüßen Geflüchtete in Pankow und Anderswo“, damit nicht Nachbar*innen mit Skepsis bis Rassismus gegenüber Geflüchteten die Meinungshoheit erlangen konnten.

Pankow-Hilft! war spätestens 2014 geboren und irgendwie war dieses diffuse Netzwerk vieler Menschen, die an unterschiedlichen Orten Geflüchtete begleiteten, auch schnell ein in Pankow sichtbarer Akteur, auch wenn weniger klar formuliert war, wer das war, welche Sta

 

tuten dahinter standen und wie die demokratische Verfasstheit genau ausbuchstabiert war. Es war klar: Basisdemokratische Selbstbestimmung, die Unterstützungskreise setzten die Akzente. Als [moskito] haben wir die Ohren gespitzt und Ideen, die diskutiert wurden, weitergegeben und versucht, dass sich die einzelnen Unterstützungskreise aufeinander beziehen konnten. Vor allem bei der rassistischen Mobilisierung durch die NPD-Pankow wurde unsere Rolle bei Bündelungen und der Mitorganisation von Gegenkundgebungen gesehen.

2015 stellte Pankow Notunterkünfte für Geflüchtete in Sporthallen zur Verfügung. Viele, viele Menschen unterstützten und übernahmen für eine Interimszeit die Rolle staatlicher Organe, indem sie Essen ausgaben, aber auch medizinische Erstversorgung leisteten. [moskito] besuchte die Orte der Neueröffnungen, gab die Idee von Pankow-Hilft! in die Nachbarschaft und machte die Homepage bekannt, die zugleich ein wichtiges Medium war und ist, sich über die dezentralen Orte der Unterstützung und Begleitung zu informieren. Pankow-Hilft! wurde zu einem Akteur, obwohl es zunächst ja eine Bündelung von Menschen in Unterstützungskreisen formierte, die zunächst wenig als Unterstützungskreise untereinander kommunizierten. Alle, die aktiv unterstützten und halfen, waren an der Belastungsgrenze.  Viele Menschen spiegelten immer wider, dass sie es wichtig finden, dass schnell gemeinsame Kommunikationslisten eingerichtet oder eine Homepage gepflegt wurde, die die vielen Anfragen und Angebote weiterleitete, aufnahm oder auf diese verwies.

Erst 2016 bis 2018 erhielt Pankow-Hilft! Fördermittel aus dem Masterplan, die offiziell als Koordinierung des Unterstützungsnetzwerks Pankow-Hilft! eingesetzt wurden. Die bisherige Arbeit im Unterstützungsnetzwerk Pankow-Hilft! Konnte [moskito] nicht weiter „nebenbei“ bewältigen.

Aktuelle Situation:

Wir drei Mitarbeiter*innen von [moskito] unterhielten uns wiederkehrend über die Definition der eigenen Rolle in dem großen Unterstützungsnetzwerk. Koordinierung erschien uns als Aufgabenbeschreibung zu weit, besser traf es eigentlich (fachliche) Begleitung derjenigen, die in den Unterstützungskreisen wirkten und diese koordinierten. Neben so einfachen Tätigkeiten wie die Betreuung der Mailinglisten und Homepages, Newsletter-Erstellung und die Begleitung des Koordinierungskreises der UK bot die Fach- und Netzwerkstelle [moskito] Qualifizierungen an zu Fragen, die sich aus der ehrenamtlichen Arbeit in den Unterstützungskreisen ergaben. Auch eine Engagement-Beratung war zeitweise Teil der Tätigkeit für Pankow-Hilft!, weil es einfach viel zu viele allgemeine Anfragen von Bürger*innen, Stiftungen, Elternkreisen usw. gab, die „irgendwas“ machen wollten, Teilnehmer*innen unter den Geflüchteten suchten.

Ende 2017 gab es einen Personalwechsel im [moskito]-Büro. Unsere tolle und engagierte Kolleg*in, die für Pankow-Hilft! zuständig war, verabschiedete sich. Wir suchten eine neue Person für unser Kernteam, die auch die Begleitung von Pankow-Hilft! übernehmen sollte. Die Übergabe war intensiv und umfangreich. Schnell wurde jedoch die Komplexität des bis

 

herigen Arbeitsfeldes deutlich und es erschien uns am sinnvollsten, dass eine Fortsetzung unserer bisherigen Arbeit fragend erfolgen und mit einem Besuch aller UK einhergehen müsste. Und dennoch war der Bruch offensichtlich: Die Unterstützer*innen in Pankow-Hilft! waren in den Jahren zusammen weitergewachsen, hatten sich (nicht verschriftlichtes) Know-How angeeignet, ihre Erfahrungen über Betreiber*innen der GU, Security-Firmen oder die Organisation von Treffen in ihr kommunikatives Gedächtnis eingearbeitet. Aber die Weitergabe dieses Wissen erforderte Zeit und Geduld auf allen Seiten. Als Fach- und Netzwerkstelle [moskito] war es schwer anzuerkennen, das Pankow-Hilft! immer wieder im Laufe der Zeit Neujustierungen bedurfte und [moskito]-Team viel Beratungszeit zwischen 2014 und 2018 kostete. Im Laufe der Jahre waren auch neue Akteure auf den Plan getreten: Erst wurde 2015 eine Koordinator*in für Flüchtlingsfragen im Bezirksamt eingestellt, dann ab 2016/17 Ehrenamtskoordinator*innen in den GU, die ebenfalls mit Menschen zusammen arbeiteten, die Deutschkurse anbieten und andere Aktivitäten des täglichen Bedarf für die Bewohner*innen mitgestalten wollen. Die Unterstützungskreise konsolidierten sich auch zum Teil neu im Zuge der Zusammenlegungen von Notunterkünften in Gemeinschaftsunterkünften wie beispielsweise in die Treskower Straße. Diese Veränderungen waren für uns als [moskito] schwer greifbar und es war auch schwer zu eruieren, wie es tatsächlich in den unterschiedlichen UK aussieht. Alle UK hatten verschiedene Herangehensweisen. Das stellten wir schon bei der Erstellung einer Broschüre über die Geschichte von Pankow-Hilft! fest.

Wir stellten im Sommer 2018 einen weiteren Förderantrag beim Bezirksamt Pankow/ Masterplan – analog zu dem Antrag 2017. Das Bezirksamt meldete aber zurück, dass aus ihrer Sicht der Umfang der Begleit-Arbeit durch [moskito] sehr viel geringer geworden sei, die Unterstützungskreise kleiner und weniger lebendig geworden seien, kaum neue Ehrenamtliche den Weg in die Unterstützungskreise finden würden und der Fortbildungsbedarf der Ehrenamtlichen zurück gegangen sei. Auch würde aus Unterstützungskreisen die Rückmeldung kommen, dass sie sich so gut kennen würden, dass sie sich selber koordinieren könnten, einfach auch weil die Arbeitsbelastung, die 2015/16 Realität war, nicht mehr so stark sei. Die noch aktiven Menschen in den nun wieder viel kleineren Unterstützungskreisen hatten mehr Zeit und Energie als früher.

Auf einem Treffen mit dem Bezirksamt besprachen wir, dass wir uns aus der Koordinierungsarbeit von Pankow-hilft! zurückziehen wollten. Da wir sehr an dem Slogan Pankow-Hilft! hingen und dieses Signal/ diesen Slogan öffentlich weiter sichtbar haben wollten, boten wir an, die Öffentlichkeitsarbeit des „Labels“ Pankow-Hilft! für eine Summe von rund 10.000 Euro im Jahr weiter zu begleiten. Für uns schloss das sowohl die technische Unterstützung der Homepages und Mailinglisten als auch die inhaltliche Begleitung der Homepage ein, wie auch das Verfassen eines Informationsblattes. Da wir bis dato keine direkte Kritik an unserer Arbeit aus den Unterstützungskreisen gehört hatten und auch niemand mit uns gesprochen hatte, ob eine Veränderung vorgenommen werden sollte, dachten wir, wir handeln damit im Interesse der Unterstützungskreise, die ja bis dahin signalisiert hatten, dass sie unsere Begleitung und Unterstützung schätzen.

 

Es folgte sechs Tage vor Antragsschluss eine weitere Rückmeldung aus dem Bezirksamt, dass es aus Unterstützungskreisen weitere Kritik an unserem Antrag gäbe. Das Bezirksamt Pankow lud zu einem weiteren größeren Treffen, zu dem wir als [moskito] und Menschen aus Unterstützungskreisen eingeladen wurden. Der zeitliche Rahmen dieses Treffens war leider auf 60 Minuten begrenzt, so dass die Diskussion wenig ausführlich war. Eine Person eines UK schlug bereits im zweiten Wortbeitrag vor, sich selber als Ehrenamtliche zu koordinieren und legte ein erstes Konzept auf den Tisch. Das konnten und können wir nur begrüßen. Unser Ansatz ist die „Hilfe zur Selbsthilfe“ und wir finden es großartig, wenn Menschen sich Zeit nehmen und Energie nehmen, um Koordinierungs- und Organisierungsarbeiten zu machen, für die oftmals zu wenig Zeit im Ehrenamtlichen Bereich bleibt. Weiter so!

Erst im Nachhinein haben wir erfahren, dass nur wenige der UK in dieses Vorhaben Richtung Selbstorganisierung von Pankow-Hilft! involviert sind. Dennoch hoffen wir, dass dieses Vorgehen funktioniert und Pankow-Hilft! an diesen Fragen nicht zerbricht. Wir ziehen uns aus der begleitenden Rolle zurück. Wir stehen gerne weiter für Support und Fragen in Sachen technischem Know-How zur Verfügung und wir haben ein sehr, sehr großes Ohr für Kritik und Widerspruch zu unserer Arbeit.

Wir kamen gerne, als man uns (an)rief und wir gehen – wenn auch mit einer Träne im Auge – wenn unsere Arbeit erst einmal nicht mehr gebraucht wird. Wir suchen weiter Kontakt zu euch vielen Menschen, die hier die letzten Jahre in Pankow die Willkommensnetzwerke ausgestaltet und das Bleiben ermöglicht habt. Vielleicht ist es aber auch an der Zeit, noch einmal nach anderen Feldern antirassistischer Kämpfe Ausschau zu halten und unsere Ohren wieder zu spitzen, um Orte und Bewegungen auszumachen.

[moskito], Oktober 2018

 

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