Wir hatten eigentlich schon aufgeben…

Lagerfeuer

Doch als die Inzidenzen runtergingen, eröffnete sich für unsere multifamilientherapeutische Tagesgruppe mit.ein.ander plötzlich doch eine Möglichkeit, unsere jährliche Familienreise in den Sommerferien durchzuführen. Die Chefin schickte mir eine Nachricht: „Wir fahren nach Granzow an die Mecklenburgische Seenplatte. Kannst du alles organisieren?“ Euphorisch stürzte ich mich in die Organisation. Ich liebe multifamilientherapeutische Reisen!

Doch: Sie müssen sehr gut vorbereitet sein. Normalerweise braucht man dafür Wochen und Monate. Man muss alles genauestens überlegen und für jeden der fünf Tage einen minutiösen Plan haben. Nichts darf vergessen werden und die Familientherapeut*innen müssen jedes Detail wieder und wieder bedenken. Dieses Mal hatten wir sehr wenig Zeit; genau genommen nur zwei Stunden. Zum Glück ist die Chefin sehr erfahren und konnte mich gut motivieren: „Wir machen das!“, sagte sie zu mir.

Während ich im Internet Abfahrtszeiten, Hygieneregeln und Ticketpreise recherchierte, entwickelte die Chefin einen tollen Plan: einkaufen, kochen, abwaschen, das Tagesprogramm, Abläufe, Zeiten – das alles sollten die Familien gemeinsam auf der Reise besprechen und organisieren. „Wir gestalten nur den Prozess“, erklärte die Chefin. „Und das Beste ist: Die Eltern haben die ganze Zeit die Verantwortung für ihre Kinder.“ Ich war sofort begeistert.

Wir trafen uns am Montag am Bahnhof Gesundbrunnen und es war gut, dass wir uns eine halbe Stunde verabredet hatten. Denn die Chefin und ich kamen zu spät. Frau K. kam allerdings noch später und brachte neben ihrem Sohn L. auch noch einen Hund mit. „Der Hund muss mit“, sagte sie. Die Frau am Schalter erwiderte: „Nur in einem Körbchen oder Tasche.“

Zum Glück sagte in diesem Moment der F., der die Abfahrtszeiten auf dem Bildschirm genauestens beobachtete: „Der Zug fällt aus.“ So hatte Frau K. genug Zeit, entsprechende Utensilien für den Tiertransport zu besorgen, während der Rest der Gruppe ein erstes Ferienlager aufschlug: im Humboldthain neben dem Bahnhof.

Wir hatten Glück, dass wir irgendwie den letzten Bus in Neustrelitz erwischten, den es eigentlich laut Auskunft gar nicht hätte geben dürfen. Und als unsere Rollkoffer in der staubigen Sandpiste lustige Spuren hinterließen und die Sonne uns den Schweiß von der Stirn tropfen ließ, wussten wir: Jetzt gibt es kein Zurück mehr – wir sind auf Familienreise.

Was kann man sonst noch berichten, was nicht an anderer Stelle längst schon tausendmal und mit schöneren Worten beschrieben wurde? Dieses unglaubliche Gefühl der multifamilientherapeutischen Fachkräfte? Dieses Ausgeliefertsein an eine Gruppe von Kindern und ihren Eltern. Die endlosen Familiengespräche, die Übungen, die gruppendynamischen Prozesse, der Sekundenschlaf und die enorme Reihe von Kaffeetassen. Das Aufregende ist: Ein solcher Arbeitstag hört sogar nachts nicht so richtig auf. Die ganzen nervigen Unterbrechungen, die sonst unsere Arbeitswoche auszeichnen, fallen somit einfach weg!

Am zweiten Tag ging ich mit einem Kind beim Paddeln verloren – mein Geld und das Handy hatte ich in einem anderen Boot deponiert. So kamen wir zumindest nicht in Versuchung, uns Süßigkeiten zu kaufen oder im Internet zu surfen. Und kurz bevor wir, wahnsinnig vor Hunger, die Touristen vor dem Fisch-Imbiss überfallen konnten, wurden wir schließlich von der Chefin gefunden und gerettet.

Gut war auch, dass am nächsten Tag nach einem Tauchgang im See mein Ohr verstopfte. So konnte ich mich bei den endlosen Diskussions- und Abstimmungsprozessen über den Abwasch entspannt zurücklehnen. So bot sich mir auch die Möglichkeit, am Donnerstag noch vor dem Frühstück aufzustehen, um die Randgebiete von Neustrelitz zu durchstreifen und einen HNO-Arzt zu finden.

Und als ich dann wieder gut hören konnte, ging es auch schon zurück nach Berlin. Wir lachten sehr, als ich mein Diensthandy im Bus verlor und daraufhin fast den Zug verpasst hätte. Aber die mecklenburgischen Busfahrerinnen sind bekannt für ihre Hilfsbereitschaft und so verzichtete auch unserer Busfahrerin gerne auf ihre Ruhezeit, um noch einmal zurück zum Bahnhof zu kommen und mir das Handy zu überreichen.

„Ich denke wirklich, dass die Familien auf dieser Reise viel gelernt haben“, sagte ich zu meiner Chefin. „Mit Sicherheit hast du sie gestärkt, bei Schwierigkeiten dranzubleiben und gemeinsam Lösungen zu finden und natürlich auch Erfolge zu würdigen“, meinte sie. Was für ein wunderbares Konzept doch so eine Multi-Familienreise ist!

Arne Sprengel, Sozialpädagoge und leidenschaftlicher Multifamilientherapeut,
seit November 2020 an Bord in der Multifamilientherapeutische Tagesgruppe Grundschule mit.ein.ander

 

 

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