Interview zur Initiative "Solidarität mit den Geflüchteten in Pankow"

Quelle (online): http://www.prenzlberger-ansichten.de/
Quelle (Print): Prenzlberger Ansichten, 21. Jg, September 2013, S.3

"Wir können voneinander profitieren“
Verstärkt kommen Menschen aus den neuen und alten Kriegs- und Krisengebieten der Welt auch nach Berlin und suchen hier Schutz. Pankow und mit ihm Prenzlauer Berg nehmen, wie alle Berliner Bezirke, die Flüchtlinge in Unterkünften auf. Wie kann sich ein Zusammenleben mit den Menschen gestalten, die ihre Heimat verlassen mussten, um ihr Leben zu retten? Berit Schröder von moskito, der Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH, skizziert im Gespräch eine Willkommenskultur.

Frau Schröder, im Prenzlauer Berg werden Flüchtlinge in einem Heim in der Straßburger Straße aufgenommen. In der Pankower Mühlenstraße entsteht derzeit eine weitere Unterkunft. Woher und in welcher Verfassung kommen die Flüchtlinge?
Derzeit vor allem aus den Kriegsgebieten in Syrien, Afghanistan, dem Iran und Irak. Die zweite große Gruppe sind politisch oder religiös verfolgte Menschen aus Ländern der russischen Förderation, aus Tschetschenien, Serbien. Ihre Erlebnisse und Fluchtwege sind ganz unterschiedlich. Manche sind schwer traumatisiert, manche kommen nur mit dem, was sie auf dem Leib haben.

Moskito und andere Initiativen machen sich für eine Pankower Willkommenskultur stark. Wie kann diese aussehen?
In erster Linie müssen wir ein politisches Signal senden: Wir sind dafür, dass die Flüchtlinge bei uns leben. Aggression und Ablehnung wie in Hellersdorf gibt es bei uns nicht. Die Unterstützung lässt sich in drei Phasen gliedern. Die vorbereitende Phase, die jetzt für das neue Heim in der Pankower Mühlenstraße ansteht, wo im Dezember Flüchtlinge erwartet werden. Die zweite Phase ist die Phase der Ankunft der Flüchtlinge.  Die dritte Phase umfasst die Unterstützung, wenn die Flüchtlinge länger hier sind. Da geschieht etwa in der Unterkunft an der Straßburger Straße schon sehr viel.

Lassen Sie uns konkret über diese Phasen sprechen. Was kann vorbereitend geschehen?
Wichtig sind Transparenz und Information der Anwohner, wo Unterkünfte entstehen. In Pankow hat sich z.B. ein Unterstützerkreis gegründet, der Betreiber des Heimes bietet Sprechstunden für Interessierte an. Auch bei Moskito kann man sich informieren: Was bedeuten Flucht und Migration eigentlich? Mit diesen Themen können sich Schulen und Einrichtungen auseinandersetzen. Es gibt dazu Informationsveranstaltungen, etwa des Berliner Flüchtlingsrates. Viele der Flüchtlinge sind politische Aktivisten. Wir können von ihnen viel erfahren, wie sie ihren Widerstand organisiert haben. Wir können voneinander profitieren.

Und, wenn die Flüchtlinge kommen?
Es ist wichtig, Orte der Begegnung und des Kennenlernens zu schaffen. Wir denken in Pankow z. B. über eine Lange Tafel der Nachbarschaft mit Will¬kommens¬frühstück nach. Es braucht Projekte, damit die Flüchtlinge die Umgebung und Berlin kennenlernen können. Hier bieten sich z. B. gemeinsame Kiezspaziergänge an. Auch Sprachkurse sind wünschenswert. Die Flüchtlinge dürfen in der Phase, in der sie auf ihr Bleiberecht warten, Deutsch lernen. Doch es gibt dafür keine Finanzen.
Ganz konkret braucht es auch materielle Hilfen wie Kleidung und Spielzeug. Aktuell fehlt es zum Beispiel an Kleidung für junge und ältere Männer.
Aus diesen Intitiativen sollten sich gemeinsame Arbeitskreise bilden. Denn je länger die Flüchtlinge da sind, umso mehr werden sie auch alleingelassen.

Die Wartezeit auf den Asyl-Status kann viele Monate dauern. Wie gestaltet sich der Alltag der Flüchtlinge bis dahin?
Je nachdem, welchen Kulturen oder sozialen Schichten die Flüchtlinge entstammen, gestaltet dieser sich unterschiedlich. Manche strukturieren sich ihren Tag, für manche ist das schwieriger. Sie dürfen ja nicht arbeiten. Da sind solch kleine Sachen wie selbst die Wäsche zu waschen oder zu kochen, schon sehr wichtig. Weil Sie ihnen auch ein Stück Würde bewahren. Viele Flüchtlinge sind sehr dankbar für Begegnungen oder auch nur die Möglichkeit, sich in anderen Räumen auszutauschen. Wir haben bei uns im Nachbarschafthaus am Teutoburger Platz, in dem auch Moskito ansässig ist, regelmäßig Begegnungskreise und Kreativangebote, etwa für die Flüchtlingskinder aus der Unterkunft in der Straßburger Straße.

Wie kann eine Unterstützung weitergehen, wenn die Menschen ihr Bleibe¬recht erhalten haben, also in Phase drei?
Sobald sie als Verfolgte anerkannt sind, können sie sich eine Wohnung suchen und dürfen auch eine Arbeit annehmen. Da kann man sie z. B. bei den notwendigen Behördengängen oder der Wohnungssuche unterstützen. Sie sollen möglichst im Bezirk wohnen bleiben, eine Wohnungssuche ist hier schwierig. Unterstützung richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen der Menschen.

Wohin können sich die Bewohner vom Prenzlauer Berg wenden, wenn sie die Flüchtlinge unterstützen bzw. ihnen auf die eine oder andere Art begegnen möchten?
Gern an Moskito, mit allen Fragen am besten per email:
moskito@pfefferwerk.de
✒ Das Gespräch führte Katharina Fial