Begegnung baut Vorurteile ab – viele Medienberichte, politische Bildungsprogramme und nicht zuletzt ehrenamtliche Unterstützungsinitiativen aus der vergangenen Zeit propagierten diese These.

Den ehrenamtlichen Projekten, die im Bezirk Pankow Gelegenheiten für nachbarschaftliche Begegnung zwischen geflüchteten und einheimischen Menschen kreiert haben, geht es aber um mehr. Mit nachmittäglichen Begegnungscafés, mit Grill- und Kochabenden, mit Workshops und Konzerten haben sie öffentliche unkommerzielle Räume geschaffen, in denen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft überhaupt treffen können. Sich in einem offenen Raum zu begegnen und einfach mal so jemanden anzusprechen, ist in Deutschland nicht einfach. Leben auf der Straße findet in dem Maße wie in vielen anderen Ländern kaum statt. So wurden für die Begegnungsevents ganz gezielt Bewohner*innen aus Unterkünften sowie einheimischer Nachbarschaft eingeladen, um sich bei (kostenlosen) Angeboten an Essen und Kultur kennenzulernen uns ins Gespräch zu kommen. Keine gesellschaftliche Institution hat Begegnung in diesem Ausmaß hergestellt wie die ehrenamtlichen Initiativen aus der Nachbarschaft von Unterkünften. Deshalb haben wir diese Initiativen gefördert.


Durch diese Begegnungsmomente sind viele Bekannt-, Freund- oder Patenschaften entstanden. Einheimische hatten die Möglichkeit, niedrigschwellig bei(m Zubereiten von) Kaffee und Kuchen mit geflüchteten Menschen in Kontakt zu kommen und vielleicht sogar schon in ein Gespräch. Bestehende Bilder von Leid und Leben der von fern geflohenen Menschen bekamen ein reales Gesicht. Die meisten der Begegnungsfreudigen genießen die Erweiterung des Horizonts durch den Austausch mit Menschen, die aus ihren Herkunftsländern anderes Wissen und Können, andere Gewohnheiten und vor allem viel gastfreundliche Herzlichkeit und Wärme mitgebracht haben. Manche Unterstützer*innen wurden derart durch die Offenheit, aber auch leider durch die oft dramatischen Erlebnisse der Geflüchteten berührt und entschieden sich für eine längerfristige Begleitung der neuen Nachbarn bei ihrem Ankommen. Für Geflüchtete sind mit den Begegnungsprojekten Orte entstanden, an denen sie sich außerhalb ihrer lagerförmigen Unterkünfte regelmäßig treffen können und eben auch in Kontakt mit eingesessener Bevölkerung kommen – was laut Umfragen neben existenzieller Absicherung durch Arbeit, Wohnen und Spracherwerb eins der wichtigsten Bedürfnisse vieler geflüchteter Menschen ist.

 

Diese Form der Begegnung ist sehr förderlich dafür, dass sie auch fruchtbar im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens ist. Die Forschung hat gezeigt, dass „vermehrter Kontakt und dadurch natürlich die Möglichkeit einer reichhaltigen Information über den Anderen“ allein nicht ausreicht, um Stereotype und der Vorurteile zu bekämpfen. Dies ließe außer Acht, dass rassistische Denk- und Handlungsweisen in einem individuellen Begründungszusammenhang stehen. Das bedeutet, dass Voruteile auf der Grundlage von Mensch zu Mensch unterschiedlich gesetzter Prämissen entstehen, die nicht durch reines Informieren aufgeklärt werden können. Erfolgversprechender sei hingegen, wenn sich die begegnenden Gruppen in ihrem Status ähneln, wenn der Kontakt eine Kooperation zur Erreichung gemeinsamer Ziele erfordert (z.B. gemeinsam ein Zusammenkommen mit Speisen, Getränken und Musik vorzubereiten). Außerdem sei es zum Abbau von Vorurteilen hilfreich, wenn individueller und tiefgehender persönlicher Kontakt der Einzelnen zueinander möglich ist. Diese Aspekte konnten mit den Begegnungsprojekten teilweise realisiert werden. Dennoch sind die Projekte unterschiedlich stark frequentiert – in manchen Regionen scheint es kein Interesse an Begegenung zu geben.

 

Da aktive Unterstützer*innen von Geflüchteten in Pankow fast in jedem Stadtteil ein Begegnungsprojekt organisierten, gerieten sie in unseren Fokus zur Förderung von Zivilgesellschaft. Als aktive Träger*innen einer offenen, solidarischen und partizipativen Gesellschaft wollten wir die Ehrenamtlichen in ihren bereits laufenden oder noch im Entstehen befindlichen Projekten fördern und unterstützen. Neben den vielen schönen Momenten sind natürlich auch Schwierigkeiten und Fragen bei der Organisierung dieser Nachbarschaftsbegegnung entstanden. Um darüber Austausch und Verständigung anzubieten, haben wir parallel zur Projektförderung eine Vernetzungsrunde zu diesem Thema einberufen. Hier wurden Fragen besprochen wie macht es Sinn ein Begegnungsprojekt ohne Geflüchtete im Team zu starten, wie können Besucher*innen in die Organisation eingebunden werden, wie erfährt man von den Bedarfen der Geflüchteten, wie muss der Raum gestaltet sein und welche Auswirkungen hat die Gestaltung des Raums auf die Besucher*innen, warum kommen Geflüchtete manchmal nicht alleine (und müssen aus Unterkunft abgeholt werden), wie/wann (warum) kommen Anwohner*innen (nicht), welche Rolle spielen die Kinder in einem Begegnungscafé und welche Angebote brauchen sie, aber auch rein organisatorische Fragen wie welche Hygienestandards müssen eingehalten werden, wie können Spenden gewonnen werden und wie kann die Organisation finanziert und professionalisiert werden.

Aktuelle Nachbarschaftsbegegnungsprojekte:

Allerweltscafé Straßburger Straße

Begegnungscafé im Mensch Meier

Begegnungscafé Wichertstraße

Café der Begegnung Niederschönhausen

Café International Karow

Café ohne Grenzen Pankow

FreiRaum

Interkultureller Familiennachmittag Buch

KiezCafé Weißensee

KulturMarktHalle

Meet’n Eat Prenzlauer Berg

Sprachcafé Polnisch